Sehr geehrter Herr Staatssekretär,
verehrter Herr Bürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren,
ich darf sie alle sehr herzlich hier in Germering vor den Toren Münchens begrüßen. Ihnen Herr Bürgermeister, gleich an dieser Stelle mein besonderer Dank für die Unterstützung, die es uns möglich machte, diese Konferenz hier zu veranstalten.
Es scheint exemplarisch zu sein für 50 Jahre Kommunikatonsprobleme zwischen der Rock- und Popkultur auf der einen und der Politik auf der anderen Seite. Aber wer sonst außer der Popmusik kann das Pech so punktgenau ansteuern? Die Vertrauensfrage im Deutschen Bundestag hat unserer Planung, hier einen intensiven Dialog mit den Parteien zu beginnen, kurzfristig einen Strich durch die Rechnung gemacht. Damit möchte ich hinter dem Sarkasmus aber auch einen Punkt machen.
Noch haben wir das Wort "dialog" im Logo kleingeschrieben! Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass uns die nächsten drei Tage trotz der aktuellen Einschnitte voran bringen werden, um die strukturellen Probleme der Popkultur in Deutschland wieder einen weiteren Schritt zu verbessern.
Auch die Popkonferenz selbst hat sich entwickelt. Wenn ich subjektiv zurückblicke, hat die Auftaktkonferenz 1997 in Osnabrück viel zur Problemanalyse beigetragen. Bochum definierte 1999 die Aufgabenfelder und Ansatzpunkte möglicher Förderungen und hat auch den Kontakt zur politischen Ebene realisiert.
Umfassende und infrastrukturbildende Popmusikförderung scheint aktuell nur noch dann perspektivisch möglich, wenn die Lasten auf möglichst viele Schultern verteilt werden wenn aber auch möglichst viele ihre Schultern zur Verfügung stellen.
Doch bei aller Diskussion um die Beteiligten bleibt eines außen vor: die Zeit drängt, Engagement für diesen Teil der Jugendkultur darf nicht länger auf sich warten lassen. Unsere eigene, bayerische Situation wurde mal mit dem realistischen Satz charakterisiert: "sie sind leider zehn Jahre zu spät in die Förderung reingerutscht, sonst hätten wir heute diese Probleme nicht". Unser Rock.Büro SÜD ist zwar akut in der Existenz bedroht, aber vielen Szenen in der Bundesrepublik geht es noch wesentlich schlechter.
Wir scheinen allerdings mal wieder - eine schwierige Zeit erwischt zu haben. Sinkende Steuereinnahmen und Zusatzbelastungen auf staatlicher Seite. Rückläufige Konjunkturdaten und eingefrorene Etats für Marketing und Kommunikation bei den Unternehmen auf der Wirtschaftsseite lassen nichts Gutes erahnen.
Wir wollen trotzdem versuchen auszuloten, ob es Möglichkeiten gibt, öffentliche Hand und Wirtschaft zusammenzuführen.
Wir werden auch darüber zu diskutieren haben, wie Großunternehmen ihre gesellschaftspolitische Verantwortung - insbesondere gegenüber den Jugendlichen in diesem Lande - definieren.
Oder gibt es diese Verantwortung gar nicht?
Während ich letzte Woche abends an diesem Thema bastelte, lief im WDR die Sendung "markt". Mit einem Beitrag zu negativen Sponsorenbeispielen.
Ein großer Versicherungskonzern hatte der Jugendabteilung eines Sportvereins die Unterstützung aufgekündigt und die jungen Fußballer damit vor kaum lösbare Probleme gestellt. Hier geht es um Beträge, die sonst in der Portokasse nicht einmal bei den Nachkommastellen auftauchen. Der gleiche Konzern pumpt aber parallel dutzende Millionen DM in die laufende Formel1-Kampagne zufällig kenne ich die Summe.
Ein großes Telekommunikationsunternehmen kündigt einem erfolgreichen Nachwuchsschwimmverein an, in zwei Jahren die Mittel auslaufen zu lassen. Parallel hopsen aber die rosaroten Pedalpanther etatschwanger und vielleicht deshalb nicht so leichten Fußes - über die Pyrenäen.
Wenn dann ein schnieker Pressesprecher diese Situation mit der Begrifflichkeit, dies diene eben der "Markenbildung" zu entkräften versucht, dann hat dieser Mann - respektive sein Konzern - eigentlich - mit Verlaub - schon verloren.
Dieses Negativimage durch die Medien kommuniziert - kann er mit einem Vielfachen des eingesparten Betrages nicht einmal mehr im Ansatz wett machen!
Würden sie ihre Kinder bei einem Konzern versichern, der so scheinbar signalisiert, wie egal ihm die Zukunft ihrer Kids eigentlich ist. Da mag der Konzern sein Versicherungspaket noch so bunt als FUTURE anpreisen. Die Taten werden immer entscheidender.
Denn, so dumm, wie manche glauben mögen, ist der Verbraucher nicht. Es könnte die Situation erwachsen, dass die Konsumenten ihr Kaufverhalten auch danach ausrichten, wie sehr sich ein Konzern für das Allgemeinwohl einsetzt. Wer sich in der Spitze engagiert und dabei die Breite vergisst, muss sich die Frage stellen, ob er seine unternehmerischen Hausaufgaben richtig gemacht hat.
Die buchstäbliche "Leer"-stunde beim Debakel der Fußballsendung "ran" - bezüglich der Zuschauerquoten im übrigen mit H geschrieben diese Leerstunde zeigt, dass die Gesellschaft Einfluss ausüben kann. Und der Konsument kann in Zukunft seine Kaufentscheidungen auch an den sozialen Leistungen eines Konzerns orientieren.
Darin liegen aber auch Positionierungschancen für jene Unternehmen, die darauf jetzt perspektivisch, verantwortungsvoll und schnell reagieren. Indem sie nämlich Akzente setzen für das Gemeinwohl und den Imagezugewinn zur Umsatzsteigerung nutzen.
Nochmals TV-Abendprogramm. NDR3-Talkshow. Letzte Woche! Zu Gast Titus Dittmann, prämierter Unternehmer mit Draht insbesondere zur Skaterszene. Titus hat sein Erfolgsrezept geoutet. Er sagte, je mehr er seine Gewinne wieder in die Szene reinvestierte, um so mehr hat man ihn als glaubwürdigen Partner akzeptiert. Dies wurde honoriert und machte sich in immer höheren Abverkaufszahlen bemerkbar. Und: Titus hat als Unternehmer noch eines deutlich vorgemacht: nämlich Szenen so zu akzeptieren wie sie sind.
Firmenjugendzentren mit Livemusikbühne wie Titus sie auch realisiert hat - sind sicherlich nicht eine allgemeingültige Lösung. Aber als Idee von praktizierter Public Private Partnership sollten wir uns auch darüber Gedanken machen .
Zurück zu den Schultern und den zu verteilenden Lasten!
Popmusik ist Kultur- und Wirtschaftsfaktor, hat Schirmherr und Staatsminister Hans Zehetmair in seinem Grußwort geschrieben. Kulturförderung alleine sei dafür heute nicht mehr ausreichend. Dem gäbe es eigentlich nichts hinzuzufügen außer den vielen Fragenzeichen, wer denn als Förderer mit ins Boot steigt.
Es geht bei dieser Konferenz fördertechnisch nicht um die B.A.ROCK als alleinigen Verband. Es geht in Punkto Förderung im übrigen auch nicht nur um die Popmusik sondern um die Vielzahl von Sparten. Und es geht ganz allgemein nicht um die Musik sondern um alle Szenen, die sich für Perspektiven von Jugendlichen und Kreativen engagieren.
Denn Förderung ist eine Investition in die Kreativität junger Menschen sie hilft damit entscheidend mit, Dummheiten in einer prägenden Phase zu vermeiden.
Doch Popmusik ist nicht beschränkt auf die 14 bis 27jährigen alleine. Sowohl darunter wie auch darüber gibt es ganz große Spannweiten.
Wir dehnen uns seit vielen Jahren im täglichen Spagat zwischen der Jugendarbeit auf der einen Seite und der Heranführung von Bands an den kommerziellen Markt auf der anderen Seite.
Ich möchte nicht auf die Hochkulturförderung einschlagen das wäre zu billig. Aber über welche Summen reden wir eigentlich? Mit drei Millionen Mark Fördermitteln pro Jahr kommt ein einziges Orchester nicht sonderlich weit. Mit drei Millionen Mark per anno vergleichbar den Niederlanden können sie jedoch die vielfältigen Popkulturszenen in diesem Land nachhaltigen mit Infrastrukturen versorgen.
Und weil wir gerade beim Geld sind, darf ich an dieser Stelle nochmals allen Finanzierungs- und Kooperationspartnern für die Unterstützung danken, ohne die diese Konferenz nicht möglich geworden wäre. Dem Kulturfonds des Landes Bayern, dem BKM, der Deutschen Rockmusikstiftung, Stadt und Stadthalle Germering, der Volkswagen Sound Foundation, der Itzehoer Versicherung, der Musik Komm GmbH, den Fachzeitschriften w&v-werben und verkaufen, MUSIKWoche, SOUND CHECK, Neue Musikzeitung, dem Bayerischen Rundfunk. Ein Dank auch den Partnern im Netz der Probleme: der Bundesvereinigung Soziokultureller Szenen und dem VUT- Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen und ein Dank auch dem mitveranstaltenden Deutschen Musikrat.
Danken möchte ich auch allen Mitarbeitern, die sich weit mehr zum Gelingen dieser Konferenz engagiert haben, als dies Gehaltseinstufung und Vertrag voraussetzen. Wollen wir hoffen, dass es uns noch gelingt, die politische Ebene in Bayern davon zu überzeugen, dass es neben dem neuen Münchner Stadion auch noch andere Projekte von "bayernweiter Bedeutung" gibt. Mit dem, was dort ein paar wenige Parkplätze kosten, könnten wir unsere beiden notwendigen Stellen (einmal 30 Stunden, einmal 19,25 Stunden) locker ein Jahr finanzieren.
Unsere Referenzen sind bestens, einige Projekte sind inzwischen von bundesweiter Relevanz. Wenn es uns trotz dieser Referenzen nicht gelingt, kulturpolitisch die notwendige Anerkennung zu finden, dann müssen wir demnächst beim Rock.Büro SÜD die Lichter ausmachen. Selbst für den worst case wollen wir wenigstens eine tolle Popkonferenz hinterlassen in diesem Sinne wünsche ich Ihnen drei kreative und vor allem auch kommunikative Tage und ich wünsche ihnen allen, dass sie sich bei uns wohl fühlen.
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